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Zeitung • Rezension 1 | 2

Ich bin der Größte
Genie und Ungetüm - Roland Koberg erschrieb sich das Phänomen Klaus Peymann

Sächsische Zeitung 21. Dezember 1999 - Eva Förster

Ein Genie der Selbstvermarktung, ein selbsternannter Messias, ein Theaterungeheuer, ein begnadeter Regisseur und Intendant - das alles soll Claus Peymann sein. Was er für viele am meisten ist: ein Rätsel. Vor wenigen Tagen stellte der neue Intendant des Berliner Ensembles "sein" kommendes Programm als appetitanregende Nummernrevue vor - und erntete Begeisterung, auch bei den Kritikern. Roland Koberg, 1967 in Linz geboren, Theater-Rezensent der Berliner Zeitung, hatte schon vorher seine Biografie über den Besessenen geschrieben. Um das Angenehmste vorweg zu nehmen: Er versuchte niemals, das Rätsel Peymann zu lösen - und erhellt doch vieles dabei.
Koberg gelingt es, Peymann zwischen den beiden Polen zu zeigen, die ihn auszeichnen, den Größenwahn und die Bescheidenheit. Bescheiden und voller Achtung ist Peymann, wenn er sich den Texten der Zeitgenossen nähert, wenn er Peter Handke, Elfriede Jelinkek und vor allem Thomas Bernhard zur Aufführung bringt. Auch wenn er einst an Mühlheimer Schaufenster schrieb „Ich bin der Größte“; bedeutenden Künstlern begegnet Peymann voller Bewunderung. Eines ist klar: Das Gefühl, hin und wieder der Größte zu sein, brauchte er. Allein um alle Kämpfe durchzufechten, die auf ihn zukamen.
Das Buch, - man könnte es auch eine kritische Hommage nennen – beginnt mit der Gegenwart, dem Ausblick auf Peymanns Intendanz am Berliner Ensemble, folgt dann aber im Wesentlichen der Chronologie der Jahre, beginnend mit seiner Geburt in Bremen.
Privates wird dankenswerterweise nur gestreift, der Hauptakzent liegt auf Peymanns Arbeit. Und hier stellt Koberg heraus, dass dieses Künstlerleben nicht nur von Erfolg gekrönt war. Misslungene Inszenierungen werden ebenso wenig verschwiegen wie die unglückliche Zusammenarbeit mit der neugegründeten Schaubühne 1970 und die darauffolgenden Jahre des Umherziehens, des Unbehaustseins. Bis Peymann nicht nur der Regisseur, sondern auch den Intendant wurde, hatte eben auch er viel auszuhalten.

Ein großes Kind, das träumen möchte

Mit Vergnügen liest man, was Theater einst für eine politische Wirkung hatte, welche Diskussionen es anregte. Als etwa 1966 der aus dem Studententheater kommende Peymann Handkes „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt am Main inszenierte, herrschten tumultöse Zustände. Wie traurig-harmlos ist doch heute das Theaterleben!
Geradezu anrührend liest sich, wie sozial Peymann dachte. Nicht nur in seiner legendären Bochumer Zeit machte er sich Gedanken darüber, wie er die ihm überlassenen staatlichen Gelder umprägen könnte in Kreativität und Poesie. O-Ton Peymann: „Was könnte dieses arme Bochum mit den 17 Millionen jährlicher Investitionen für das Theater alles machen: An Straßen, Kindergärten, Schulbauten und Fahrradwegen!“ Peymann als der Verantwortungsbewusste, Peymann als der nimmermüde Kämpfer, der sich mit Zivilcourage auch in politische Auseinandersetzungen geradezu stürzt. Und, nicht zu vergessen, Peymann als das große Kind, das träumen möchte, das den persönlichen Zugang zu jedem Stück, jeder Figur sucht. Und das auch zugibt.
Koberg schildert das alles in gelöstem Ton, er tritt als Autor uneitel hinter dem zu Beschreibenden zurück. Hin und wieder gestattet er sich ein Bild wie dieses: „Peymann, der hartnäckigste Gast im Restaurant zum großen Problem …“, um dann wieder einfach und informativ zu erzählen. Es fehlt auch nicht die Anekdote, die man bei Büchern über Theaterleute natürlich am liebsten liest. Der Regieassistent, der sich heimlich ein Butterbrot geholt hat und aus Angst, von Peymann auf frischer Tat ertappt zu werden, dasselbe in die Hosentasche steckt – das sind die Geschichten, aus denen Theater (auch ) gemacht ist.
Brecht sagte einmal; „Große Leute sind keine feine Leute.“ Zur Kreativität gehören eben Machtbesessenheit, Härte, Verbohrtheit. Auch das lernt man hier. Wenn man es nicht schon gewusst hat.

Roland Koberg, Claus Peyman – Aller Tage Abenteuer. Henschel 90 DM