Was Macht macht
Claus Peymann verschenkt „Richard II." am BE
Von Eva Förster
Feinde, Freunde, Kritiker, Kollegen - am Freitagabend war viel
Volk auf den Beinen und im Berliner Ensemble, um Claus Peymanns „Richard
II." zu sehen. Stand doch immer noch der Paukenschlag aus,
eine Leistung, die Fässern Böden herauszuschlagen imstande
ist. Das wenig ereignisreiche Königsdrama wurde neu übersetzt
von Thomas Brasch, der sich stark an der heutigen (Umgangs-)
Sprache orientiert.
Zu Beginn liegt eine hagere, bleiche Leiche vor schmuddlig-weißen
Schlachthauswänden (Bühne:
Achim Freyer). Lautes Gesumm von Insekten zeigt Verwesung an. Dann
erscheint King Richard adrett gewandet beim Billardspiel, schlichtet
zerstreut und selbstverliebt, neurotisch und willkürlich den
Streit zwischen dem jungen Bolingbroke und Thomas Mowbray. Michael
Maer-tens zeigt diesen König als Dandy, der sich seiner bevorzugten
Stellung bewusst ist, sie jedoch nicht zu schätzen weiß.
Er ist gutaussehend, hat eine Neigung zu Zynismus und wahrscheinlich
zum sogenannten Lotterleben. Das ist spannend und gut anzusehen;
die Exposition lässt hoffen auf einen besonderen Blick auf
das Material.
Doch ach und weh, es geschieht nichts dergleichen. Der König
wird vom jungen Bolingbroke gestürzt, wird menschlicher, auch
trauriger - kein Wunder - in dem Tower-Verließ bekäme
ein krimineller Preisboxer schlechte Laune. Die Handlung wird vom
Blatt weg erzählt,
ohne Schwung und ohne auch nur einen Hauch vom Schrecken zu verbreiten,
der in Shakespeares Texten wohnt. Nun, hörte man in der Pause
sagen, was soll man auch machen mit so einem wenig aktionsreichen
Stück. Gegenfrage: Warum wählt man so ein Stück,
wenn man keine Idee für die Umsetzung hat?
Was nicht heißen soll, dass es in der Inszenierung keine
spannenden Momente gibt. So dient Manfred Karges Herzog von York
zunächst Richard II. Dann aber, als dieser gestürzt zu
werden droht, schwenkt er um, geht Bolingbroke um den Bart. Schließlich
ist er sogar willens, seinen eigenen aufrührerischen Sohn
ans Messer zu liefern und mordet Richard im Kerker.
Wüten
in der Seele Hier zeigt sich, was Macht macht, wie sie im Mechanismus der
Seele wütet, einem aggressiven Tumor gleich. Wie sie alles,
was menschlich, was moralisch ist, ausrottet.
So zeigt dieser Nebenstrang
in bedrückender Klarheit, was
das ganze Stück hätte erzählen können. Dennoch
erhielten Claus Peymann und sein Ensemble viele Bravo-Rufe. Es
war, als jubele man so laut, um in sich die Enttäuschung über
eine fußlahme Inszenierung vom Gemüt zu schreien.
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