Warum ist das Geschlecht so krumm
Ein Bildspaziergang durch Frank Castorfs Volksbühne
Sächsische Zeitung 21. Dezember 1999 - Eva Förster
Sieben Jahre währt sie nun, die Ära Castorf an der Volksbühne
am Rosa Luxemburgplatz. Anlass genug, ein Buch herauszugeben, in
dem Fotos, Kritiken, Texte, Interviews versammelt sind. Blättert
man zunächst ganz unvoreingenommen, sieht man wilde Bilder,
schreiende Menschen auf Sägespänen, schief und krumm
hängende Geschlechtsteile, groteske Second-Hand-Kostüme,
hachhackiges Schuhwerk, Blut- und andere Ströme aus diversen
Körperöffnungen.
Ständig ist alles in Bewegung, holt jeder Darsteller in jedem
Moment das Letzte aus sich heraus; sozusagen ein Theater am Rande
des Nervenzusammenbruchs. Auch ohne die durchaus informativen Worte
der verscheidenen Autoren würde sich dem Betrachter vermitteln,
dass es hier um ein Theater geht, das sich mit Leib und Seele einmischt
in politische und gesellschaftliche Zusammenhänge.
Hier popelt der Herr Intendant noch selbst
Mit gewissem Stolz führen die Herausgeber Hns-Dieter Schütt
und Kirsten Hehmeyer an, wie Frank Castorf, der so hinreißend
selbstvergessen popelnd im Zuschauerraum lümmeln kann, im
Laufe der Zeit bezeichnet wurde. Er firmierte unter „Stückeschänder“, „Linker
Ayatollah“, „Urschreithearpeut“ und sein Haus
ist ein „Straflager der Schwitz- und Schreikrampfkunst“,
ein „Blut und Hoden-Tempel“. Es ist sehr amüsant,
zu lesen, wie kreativ die Theaterkritiker plötzlich werden,
wie bildlich sie schreiben können. Das allein ist schon eine
Qualität, dass Castorf es einem so schwer macht, in Worte
zu fassen, was eigentlich abgeht in dem 1913 gebauten, grandios
hässlichen Haus, wo die Heizungsanlage zu den technischen
Denkmälern zu zählen ist.
Aber es geht nicht nur um Castorf, sondern auch um seine Mitstreiter;
die beiden Christophs, Marthaler und Schlingensief, Johann Kresnik,
die Bühnenbildner nun natürlich die Schauspieler. Man
konnte gespannt sein, was Castorf zu sagen hat, nachdem er mit
seinen Äußerungen über die Ostalgie als Droge ebenso
verblüffte, wie mit seiner romantischen Sehnsucht nach einem
Osteuropa, mit dem er seine Feinde Amerika, Coca Cola und Weltbank
schocken will.
Kaum polemisch philosophiert er hier in diversen Gesprächen über
das Alleingelassensein der Jugendlichen, die sich neue Kollektive
(Banden) schaffen (müssen), über den Hass, die rechte
Ideologie, die man nicht mit klugen Exxays wegschreiben kann. („Wer
eine graue Masse wegschiebt, kriegt sie als braune Masse wieder“)
Wenn er allerdings sagt, ein Jugendlager auf der Krim wäre
ihm lieber als das „Verrecken der Kinder in der Freiheit
der Prostitution“, beginnen die Zweifel. So richtig will
man nicht glauben, dass ein Mann, der in der DDR in die Provinz
abgeschoben wurde, vergessen hat, wie es in einem Pionierlager
zuging.
Wahrscheinlich ist es gerade dieses brüskierende Schwarz-Weiß-Denken,
das die Volksbühne so lebendig macht. Die flüchtigste
aller Künste zwischen zwei Buchdeckeln bannen – das
geht zwar nicht, aber der vorliegende Band kommt der Lebendigkeit,
der Verbohrtheit, der Besessenheit aller Mache auf dem „Theaterkreuzer“ schon
sehr nah.
Schütt/Hehmeyer/Kämper, Schöne Bilder vom hässlichen
Leben.
Schwarzkopf&Schwarzkopf 48,80 DM
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